Gib Dich hin

Es dämmert noch, die weite Flur ist in Nebel gehüllt, welcher sich durch die aufgehenden Sonne langsam anfängt aufzulösen. Ein erstes Morgenrot wurde bereits über den Himmel gepinselt. Gedankenverloren schlendert sie durch das nasse Gras, die Haare zum Zopf, die Hände fest um den Körper geschlungen. Das dünne Stoffkleid lässt die Kälte durch, welche sie sucht um ihre Gedanken zu ordnen. Ein großes Chaos. Sie lässt ihren Blick über das weite Feld streifen… und da kommt er. Aufrecht, pur, hoffnungsvoll und doch zurückhaltend und zart. Festen Schrittes kommt er auf sie zu, sein langer dunkler Mantel streift das Gras und wirbelt den Nebel auf. Umsäumt von einem Vogelkonzert geht er auf sie zu, eine feine Klaviermelodie trägt die Begegnung und begleitet die Szene weiter fort. Noch ist er weit weg, der Moment zieht sich. Wie angewurzelt bleibt sie stehen, rührt sich nicht, ungläubig haftet ihr Blick mit großen Augen auf ihm. Ein intensives Gefühl. Jeder Schritt, den er auf sie zumacht, lässt die Intensität weiter ins unermessliche wachsen. Jede Faser des Körpers saugt dieses Gefühl auf. Angespannt, ungewiss, voller Hoffnung, welche durch einen starken Fluss tiefer Verbundenheit und starker Gefühle getragen wird. Das Gefühl im Herz – nicht zu beschreiben. Als er die letzen Schritte auf sie zumacht, dreht sie sich wie im Trance zu ihm. Die Morgenfrische weht ihm das Haar sanft aus dem Gesicht, sie ist in kompletter Stille. Dann ist er da. Sie begegnen sich frontal, die Spannung lebt, 1 Meter vor ihr bleibt er stehen.

Cut.

Hingabe. Komplette Hingabe an den Moment. An alles, was ihre Verbindung ausmacht. Hingabe von dem Moment an, wo sich die Blick in der Ferne bereits trafen. Der Ausgang ist offen.

Dies ist eine der schönsten Filmszenen, die je geschaffen wurden. Entnommen der neuesten Verfilmung von Stolz und Vorurteil, fangen Keira Knightley und Matthew Macfadyen die Intensität von Hingabe fantastisch ein.

#Hingabe – der Begriff weckt unterschiedliche Gefühle. #Sehnsucht, #Angst, #nichtaushaltbar, #Hoffnung, #Verlust, #Erfüllung, #Kontrollabgabe, #Ungehaben, #Selbstaufopferung, #verlieren, #Unterwerfung, #denMomentleben, #sichöffnen, #verletzlich, #auflösen, #mitHautundHaar, #wertvoll, #stark, #Opferbringen, #Ohnmacht, #Mut, #Bereitschaft, #Gefühl, #Leidenschaft, #Herzüberschlag.

Man merkt schnell, Hingabe ist etwas Großes. Nicht ohne Grund können dabei widersprüchliche Gefühle aufkommen. Denn Hingabe ist nichts, was nebenbei passiert. Es ist ein ganz bewusster Schritt ins Unbekannte. Es ist eine der intensivsten Erfahrungen, die man sammeln kann und trägt eine Schönheit in sich, für welche es unmöglich ist einen Vergleich zu finden. Es gibt nichts stärkeres, nichts erfüllenderes, nichts erweiternderes als die Energie, die durch Hingabe freigesetzt wird. Sie umspült einen, nimmt einen mit in unergründliche Tiefen, öffnet das Herz und den inneren Blick. Nur in Hingabe können wahre Gefühle gespürt, wahre Erkenntnisse gewonnen, wahre Transformationen durchlebt werden. Hingabe relativiert Raum und Zeit, sie fordert einem alles ab und gibt einem gleichzeitig alles. Sie erfordert höchste Achtsamkeit und Konzentration, birgt aber gleichzeitig eine Leichtigkeit und Entspannung ohne gleichen.

Hingabe gilt immer nur dem Moment. Dem Moment, den man mit sich, jemand anderem oder dem Außen teilt. Und um nichts anderes als den Moment geht es im Leben. Gibt man sich ihm hin, erlebt man tiefe Verbindung. Man mag manchmal dazu neigen, zu vermuten dass man sich jemand oder etwas anderem hingibt. Ja, das gibt es auch, aber das ist nicht die pure, ursprüngliche Form der Hingabe. Denn dabei gibt man sich nur der Wirklichkeit, nur der Liebe, der Verbindung, dem Leben und dem Universum hin.

Durch die Fehlinterpretation aktiviert allerdings auch nur die Vorstellung, sich etwas oder jemandem hinzugeben, bei vielen die Urangst von Verlust. Oberflächlich geht es um den Verlust von Kontrolle, da wir eine bestimmte Vorstellung von uns haben und diese gerne kontrolliert wahren möchten. Allerdings sei hier kurz angemerkt, dass Kontrolle die Tiefe der Momente verhindert und einem Lebendigkeit nimmt. In der Tiefe jedoch ist es die Angst vor dem Verlust des eigenen „ich“. Eine Angst, sich aufzulösen mit der Frage: Was bleibt von mir, bin das dann noch ich?

Hingabe ist eine Herzensangelegenheit. Sich hingeben bedeutet sein Herz zu öffnen. Bei all der Stärke die es birgt, kann die damit verbundene Verletzlichkeit auch als Schwäche interpretiert werden. Einher geht die Angst, dass die Hingabe genutzt oder gar missbraucht werden könnte.
Ebenso besteht oftmals eine Angst, wie man wirkt wenn man sich hingibt, wenn man loslässt und Kontrolle abgibt. Was denken dann andere? Und vor allem, was wird passieren? Was wird man fühlen, welche Emotionen kommen vielleicht hoch?
Ein gutes Beispiel ist Tanz. Tanz ist Leben pur. Tanz ist Hingabe ans Leben. Traust Du Dich, Dich komplett einer Musik hinzugeben und Dich intuitiv zu bewegen? Ohne dass Du einstudierte Moves nutzt und ohne dass Du weißt, wie Deine nächste Bewegung aussieht. Man gibt sich einfach dem Moment hin. Der Musik, der Bewegung, der Umgebung, den Zuschauern wenn vorhanden, dem Gefühl. Dem Leben.

Wir verhalten uns die meiste Zeit so, dass wir uns nicht hingeben müssen. Stets sind wir damit beschäftigt uns zu schützen. Doch Schutz bedeutet auch Grenze. Wer nicht aufmacht, kann auch nicht erfüllt werden. Dabei ist Hingabe eigentlich viel leichter und einfacher, als die Bemühung sich nicht hinzugeben. Denn es entspricht einem natürlichen Prinzip, welches allerdings in unseren Kulturkreisen nicht stark aufgegriffen wird. Im asiatischen nennt es sich „wu wei“ und kann grob übersetzt werden mit „handeln im nicht-handeln“ – oder aber auch mit Hingabe. Dahinter steckt etwas ganz Wunderbares. Es geht tatsächlich darum, sich dem Moment, dem Leben, der Energie hinzugeben. Spontan, den Umständen entsprechend, intuitiv. Kennt ihr das, die besten Ideen fallen einem zu, wenn man nicht drüber nachdenkt sondern sich mit irgendetwas „Belanglosem“ beschäftigt, wenn man einfach ist.
Darum geht es. Man handelt nicht mit dem Willen, nicht für eigennützige Ziele, sondern fließt einfach mit dem Leben mit. Auf den Tanz bezogen könnte man sagen: Man tanzt nicht sonder es tanzt (durch) einen.
Das bedeutet, dass man innerlich frei ist und somit das ganze Potential des Moments ausschöpft, ohne dass Kontrolle die Energie limitiert. Eigentlich bedeutet wu wei nur, mit der Energie zu handeln und nicht aus dem „ich“ heraus gegen den natürlichen Energiefluss einzulenken. Denn das ich bremst aus.

Hingabe ist eine Mischung aus Vorbereitung und loslassen. Natürlich gilt es nicht untätig zu bleiben und sich auf gewisse Aspekte des Lebens vorzubereiten, aber das Wesentliche kann man nur empfangen wenn man loslässt. Ein Beispiel sind Eingebungen, Intuition ist ebenso wu wei. Wenn Kinder spielen ist es wu wei, eine Pflanze ist wu wei. Sie folgt lediglich dem natürlichen Prinzip und entwickelt immer ihr bestmögliches Potential. Man kann Vorbereitungen treffen indem man sie stutzt, gießt und düngt – aber sie wird nicht schneller wachsen wenn man an ihr zieht.

Die eine Basis die es braucht um sich hingeben zu können, ist Vertrauen. Vertrauen, dass die wesentlichen Dinge von alleine geschehen und das es immer zum Besten geschieht. Und Mut. Das wusste schon Blaise Pascal: „Weißt Du, wie Du Gott zum Lachen bringst? Erzähl ihm Deine Pläne.“

Es geht darum, sich drauf einzulassen, einfach geschehen zu lassen. Sich zu öffnen und zu empfangen. Zuzulassen. Du denkst Du gibst dadurch Verantwortung ab? FOUND MY MEE sagt, Du nimmst sie dadurch erst auf! Du erschaffst keine Grenzen, schließt keine Versicherung ab (ja ich weiß, wir lieben Versicherungen) sondern verantwortest es, Dich ganz kennen zu lernen, Dich ganz in Dein Potential zu bringen, ganz das Leben zu spüren und zu leben. Denn dabei kommt es nicht darauf an, was Du tust, sondern nur, wie Du es tust. Mit dem Herzen oder mit dem Verstand.

Hingabe hat mehrere Stufen. Einmal ist eine generelle Hingabe ans Leben möglich, welche Dich Deinen Weg voll ausleben und Dein Potential entfalten lässt – und das ohne unnötige Anstrengung sondern mit der größten Freude. Dies mag vielleicht direkt auch die schwierigste Form sein. Dann kann man sich in bewusst gewählte Voraussetzungen oder Situationen hingeben. Das bedeutet, den Moment intensiv wahrzunehmen und mit ihm zu verschmelzen.

Die tiefste Hingabe aber ist eine passive, eine empfangende. Sie kann man sich nicht erarbeiten, sie wird uns geschenkt. Sie passiert mehr im Geist, mehr im Gefühl als in der körperlichen oder Verstandes-Wahrnehmung. Sie entsteht, wenn man innerlich vollkommen frei ist und bereit ist, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Denn das, was in dieser Hingabe geschieht, ist die Wahrheit. Und diese ist in der Regel so unglaublich schön, wie wir es uns hätten nie erdenken können. Warum also Angst davor haben?Wichtig ist nur, dass man ohne Erwartungen rangeht. Der Gedanke, sich nur ein wenig mehr hingeben zu müssen, um mehr zu erreichen, ist bereits aus dem „ich“ heraus geformt und unterbricht somit bereits den Flow und verhindert die Hingabe.

Hingabe ist eine Einwilligung ans Leben. Eine Annahme von allem, was ist. Von einem selbst, von dem anderen, von dem was zwischen Dir und dem anderen oder der Umwelt passiert. Das „ich“ löst sich in dem Moment auf und unser wahrer Kern, unser Geist nimmt wahr. Aus dem Moment heraus entwickeln sich Impulse und man gestaltet den Moment aus dem Geist heraus. Es verbindet einen mit dem Leben, da es die Idee von getrennt sein aufgibt. Ein größeres Empfinden als das, kann es auf der Welt nicht geben. Wir lösen uns dann nicht auf, wir werden erst ganz. Es lohnt sich, den Verstand für einen Moment auszuschalten um den Moment einmal wirklich zu erleben!

Seid es Euch wert!

 

HINGABE – In dieser Kategorie geht es um emotionale Themen, um Werte und die verschiedenen „erste Male“. Im Leben geht es um Momente und dessen Zauber soll hier gezeigt werden.  

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